Strategy & Positioning · 11 Min. Lesezeit

Positionierung im technischen Mittelstand: vier Fragen, die niemand beantworten will

Positionierung scheitert im Mittelstand selten an fehlender Analyse. Sie scheitert daran, dass die Entscheidung Verzicht bedeutet. Und Verzicht ist in einem Unternehmen mit voller Auftragslage schwer zu begründen.

Die kurze Antwort

Positionierung im technischen Mittelstand steht und fällt mit vier Fragen: Welche Kunden sind tatsächlich profitabel? Welche Anfragen verlieren wir regelmäßig und warum? Was würde ein Wettbewerber nicht über sich behaupten können? Und welche Anfragen suchen wir künftig nicht mehr aktiv? Die vierte Frage ist die eigentliche Entscheidung, und sie wird am häufigsten umgangen.

Es gibt einen Grund, warum in Positionierungsworkshops so viel geredet und so wenig entschieden wird: Die richtige Antwort kostet etwas.

Ein Unternehmen, das sich auf einen Anwendungsfall festlegt, gibt damit sichtbar auf, das erste Angebot für alle anderen zu sein. Solange die Auftragsbücher voll sind, wirkt das wie unnötiges Risiko. Und wenn sie leer sind, wirkt es wie Leichtsinn.

Deshalb enden viele Positionierungsprozesse mit einem Kompromiss: einer Formulierung, die alles Bisherige umfasst und niemanden vor den Kopf stößt. Sie ist unangreifbar und wirkungslos.

Definition

Positionierung ist die Entscheidung darüber, für welchen Kundentyp ein Angebot die beste verfügbare Wahl sein soll, einschließlich der Entscheidung, für welche Kundentypen es das nicht sein wird. Ohne den zweiten Teil ist es keine Positionierung, sondern eine Selbstbeschreibung.

Warum Meinungen hier nicht weiterführen

Der übliche Ablauf eines Positionierungsworkshops sieht so aus: Die Führungsmannschaft sitzt einen Tag zusammen, sammelt Stärken, diskutiert Zielgruppen und einigt sich am Ende auf eine Formulierung, mit der alle leben können.

Das Problem an diesem Ablauf ist die Entscheidungsgrundlage. Wenn die Basis Meinungen sind, gewinnt die durchsetzungsfähigste Person im Raum. Das ist selten dieselbe Person, die den Markt am besten kennt.

Die Alternative ist unspektakulär: Die Entscheidung wird an den eigenen Daten festgemacht. Jedes Unternehmen mit mehr als zwei Jahren Historie hat sie bereits, meist im ERP und in der Angebotsstatistik.

Frage 1: Welche Kunden sind tatsächlich profitabel?

Nicht: welche machen den meisten Umsatz. Sondern: bei welchen bleibt nach Abzug von Vertriebsaufwand, Sonderwünschen, Nachbesserungen und Zahlungszielen tatsächlich etwas übrig.

Die Auswertung der letzten zwei Jahre nach Deckungsbeitrag je Auftrag, gruppiert nach Branche, Betriebsgröße und Anwendungsfall, fördert in fast jedem Mandat dasselbe Muster zutage: Eine überschaubare Gruppe von Aufträgen trägt den Ertrag, und eine deutlich größere Gruppe bindet Kapazität, ohne viel beizutragen.

Interessant ist dabei weniger die genaue Verteilung als die Frage, was die profitable Gruppe gemeinsam hat. Häufig ist es eine technische Randbedingung: eine bestimmte Toleranzklasse, ein Genehmigungsumfeld, eine Losgröße.

Frage 2: Welche Anfragen verlieren wir regelmäßig, und warum?

Verlorene Ausschreibungen sind die ehrlichste verfügbare Marktforschung, und sie kosten nichts. In den meisten Unternehmen werden sie nicht ausgewertet, weil niemand gern darauf zurückblickt.

Die relevante Auswertung unterscheidet drei Verlustgründe: Preis, fachliche Passung und Wahrnehmung. Der dritte ist der interessante. Wenn ein Auftrag verloren geht, obwohl das Angebot technisch überlegen und preislich konkurrenzfähig war, liegt es an der Darstellung. Und die kann Marketing direkt beeinflussen.

Fragen Sie in solchen Fällen nach. Ein Anruf beim Einkäufer eine Woche nach der Absage bringt regelmäßig Sätze zutage, die intern niemand ausgesprochen hätte.

Verlustgründe und was daraus folgt
VerlustgrundTypischer AnteilHandlungsfeld
Preis, bei vergleichbarer LeistunghochPositionierung, denn ohne Unterschied entscheidet der Preis
Fachliche Passung fehlte wirklichmittelZielgruppenschärfung: solche Anfragen gar nicht erst verfolgen
Anbieter war unbekannt oder wirkte kleinermittelSichtbarkeit und Referenzdarstellung
Bestehende LieferantenbeziehungmittelLangfristige Präsenz statt Einzelkampagne
Angebot war schwer verständlichunterschätztMessaging und Angebotsstruktur

Die Anteile unterscheiden sich je Unternehmen erheblich. Die Auswertung der eigenen letzten 30 bis 50 verlorenen Anfragen ist aussagekräftiger als jeder Branchendurchschnitt.

Frage 3: Was könnte ein Wettbewerber nicht über sich behaupten?

Dies ist der schnellste Test für jede Positionierungsaussage. Nehmen Sie den Satz, auf den Sie sich geeinigt haben, und setzen Sie den Namen Ihres stärksten Wettbewerbers davor.

Wenn der Satz weiterhin stimmt, ist er keine Position. „Wir stehen für Qualität und partnerschaftliche Zusammenarbeit“ übersteht diesen Test bei jedem Wettbewerber. „Wir bauen ausschließlich Anlagen für validierte Umgebungen in der Pharmaindustrie und lehnen Aufträge außerhalb dieses Bereichs ab“ überstehen die wenigsten.

Der zweite Satz wirkt riskanter und ist es auch. Er ist gleichzeitig der einzige der beiden, der einen Interessenten dazu bringt, sich zu melden.

Frage 4: Welche Anfragen suchen wir künftig nicht mehr aktiv?

Das ist die eigentliche Entscheidung, und sie wird am häufigsten umgangen, meist mit dem Argument, man wolle sich nichts verbauen.

Dabei geht es nicht darum, Aufträge abzulehnen. Ein Unternehmen kann sich auf Lüftungstechnik in Reinräumen positionieren und trotzdem eine Heizungsanlage bauen, wenn ein Bestandskunde darum bittet. Der Unterschied liegt darin, wofür Marketingbudget und Vertriebszeit eingesetzt werden.

Wer diese Entscheidung nicht trifft, trifft sie faktisch trotzdem, nur unbewusst und zugunsten dessen, was zufällig hereinkommt. Das ist in aller Regel das Kleinteilige und Preisgetriebene, weil es am häufigsten gesucht wird.

Wie man die Entscheidung durchsetzt

  1. Daten vor Diskussion. Deckungsbeitragsanalyse und Verlustauswertung liegen vor dem ersten Workshop auf dem Tisch, nicht danach.
  2. Die Vertriebsleitung ist Beteiligte, nicht Zuhörerin. Eine Position, die der Vertrieb nicht mitträgt, wird nie ausgesprochen.
  3. Kundeninterviews statt Selbstbild. Zwei bis drei Gespräche mit Bestandskunden über ihren tatsächlichen Auswahlprozess korrigieren die internen Annahmen zuverlässig.
  4. Verzicht explizit machen. Eine schriftliche Liste dessen, was nicht mehr beworben wird. Sonst bleibt der Verzicht theoretisch.
  5. Überprüfungstermin festlegen. Nach zwölf Monaten wird anhand der Auftragsdaten geprüft, ob die Annahme trug.

Was danach leichter wird

Der eigentliche Nutzen einer Positionierung zeigt sich in der Geschwindigkeit nachfolgender Entscheidungen.

Die Startseite lässt sich schreiben, weil klar ist, wer angesprochen wird. Die Frage, ob ein bestimmtes Fachportal sich lohnt, ist in fünf Minuten beantwortet. Der Vertrieb weiß, welche Anfrage er priorisiert. Und das Marketingbudget verteilt sich auf weniger Kanäle mit mehr Wirkung je Kanal.

Das ist der Grund, warum eine Positionierung in erklärungsbedürftigen Märkten die günstigste Investition ist, die man machen kann: Sie kostet zwei bis vier Wochen und senkt die Kosten aller folgenden Maßnahmen.

Proxfon Media · Redaktion

Die Fachbeiträge entstehen aus der Mandatsarbeit mit technischen B2B-Unternehmen und dem Mittelstand. Schwerpunkte sind Positionierung, Demand Generation und Revenue Operations in Märkten mit langen Kaufprozessen.

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Häufige Fragen

Häufige Fragen zu diesem Thema.

Wie lange dauert ein Positionierungsprozess?
Zwei bis vier Wochen, wenn die Datengrundlage vorhanden ist. Die Spanne hängt vor allem daran, wie schnell Interviews mit Vertrieb, Geschäftsführung und Kunden terminiert werden können.
Was, wenn wir uns intern nicht einigen können?
Dann fehlt die gemeinsame Faktenlage. Uneinigkeit über Positionierung ist fast immer Uneinigkeit über die Marktlage. Deckungsbeitragsanalyse, Verlustauswertung und Kundeninterviews lösen das zuverlässiger als ein weiterer Workshop.
Verlieren wir Umsatz, wenn wir uns festlegen?
Kurzfristig kann die Zahl der Anfragen sinken. Wirtschaftlich ist das meist positiv, weil die wegfallenden Anfragen überwiegend die unprofitablen sind. Aufträge außerhalb des Schwerpunkts können weiter angenommen werden. Sie werden nur nicht mehr beworben.
Wie eng sollte eine Positionierung sein?
Eng genug, dass ein Wettbewerber sie nicht übernehmen könnte, und breit genug, dass die Zielgruppe das Unternehmen tragen kann. Ein praktikabler Prüfwert: Die Zielgruppe sollte mindestens das Zehnfache dessen umfassen, was Sie an Kunden brauchen, um ausgelastet zu sein.
Müssen wir unser Leistungsangebot ändern?
In der Regel nicht. Positionierung verändert zuerst, was kommuniziert und aktiv gesucht wird, und nicht, was technisch möglich ist. Anpassungen am Angebot ergeben sich manchmal später aus den Daten, sind aber kein Ausgangspunkt.

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