Digital Experience · 13 Min. Lesezeit

Website-Relaunch ist ein Vertriebsprojekt, kein Designprojekt

Die meisten Website-Relaunches im B2B werden als Gestaltungsvorhaben aufgesetzt und als Gestaltungsvorhaben bewertet. Genau deshalb ändert sich danach an den Anfragen so wenig.

Die kurze Antwort

Ein B2B-Relaunch entscheidet sich an drei Punkten, von denen keiner gestalterisch ist: der Seitenstruktur (nach Kaufprozess statt nach Organigramm), der Auslieferung (server-gerendertes HTML, damit Crawler und KI-Assistenten den Inhalt lesen) und dem Zeitpunkt der Texte (parallel zur Gestaltung, nicht danach). Rankingverluste nach einem Relaunch gehen fast immer auf fehlende Weiterleitungen zurück.

Es gibt ein zuverlässiges Warnsignal in Relaunch-Projekten: Wenn in der zweiten Sitzung über Farben gesprochen wird, ist die Reihenfolge bereits falsch.

Nicht weil Gestaltung unwichtig wäre. Sondern weil die Entscheidungen, die über die kommerzielle Wirkung einer B2B-Website bestimmen, vorher fallen. Und sie sind schwer zu korrigieren, sobald Entwürfe existieren.

Punkt 1: Die Struktur bildet den Kaufprozess ab, nicht das Organigramm

Die verbreitetste Navigation im B2B lautet: Über uns, Produkte, Leistungen, Referenzen, Karriere, Kontakt. Das ist eine Ablage nach internen Zuständigkeiten.

Ein Interessent denkt anders. Er hat ein Problem und stellt vier Fragen in einer bestimmten Reihenfolge: Löst dieser Anbieter mein Problem? Hat er es bei jemandem wie mir schon gelöst? Was kostet es ungefähr? Was passiert, wenn ich mich melde?

Eine Struktur, die diese vier Fragen in dieser Reihenfolge beantwortet, erzeugt Anfragen. Praktisch heißt das vor allem: eine eigene, indexierbare Seite je Kernleistung und je Anwendungsfall statt einer Sammelseite „Leistungen“ mit sechs Absätzen.

Der Grund dafür ist zugleich inhaltlich und technisch. Inhaltlich, weil ein Suchender sein konkretes Problem wiederfinden muss. Technisch, weil eine Seite nur dann zuverlässig für eine Suchanfrage rankt, wenn sie genau eine Suchintention vollständig bedient.

Definition

Suchintention bezeichnet das eigentliche Ziel hinter einer Suchanfrage. Wer nach einer Berechnungsgrundlage sucht, will keine Angebotsseite; wer nach einem Hersteller sucht, will keine Formelsammlung. Eine Seite, die beides gleichzeitig versucht, erfüllt keine der beiden Absichten vollständig.

Punkt 2: Inhalte entstehen parallel, nicht am Ende

Die häufigste Ursache für Verzögerungen in Relaunch-Projekten ist immer dieselbe: Die Texte fehlen.

Der übliche Ablauf sieht vor, dass die Agentur gestaltet und der Kunde „die Inhalte liefert“. In der Praxis bedeutet das, dass jemand im Unternehmen neben dem Tagesgeschäft dreißig Seiten Text schreiben soll. Das Projekt liegt dann drei Monate still.

Schwerwiegender als die Verzögerung ist aber ein zweiter Effekt: Wenn mit Blindtext gestaltet wird, entstehen Layouts, in die die tatsächliche Argumentation nicht passt. Ein Abschnitt, der drei Sätze vorsieht, bekommt später acht, oder die Argumentation wird gekürzt, bis sie ins Layout passt.

Die Alternative: Die Kernseiten werden mit echten Texten entworfen. Das macht früh sichtbar, ob die Argumentation trägt, und es verhindert die zweite Verzögerungsschleife.

Punkt 3: Auslieferung entscheidet über Auffindbarkeit

Ein technischer Punkt, der zunehmend wichtiger wird: Inhalte, die erst im Browser durch JavaScript erzeugt werden, sind nicht für alle Crawler zuverlässig lesbar.

Für Google ist das inzwischen weniger kritisch als früher. Für viele andere Crawler, darunter die von KI-Assistenten, gilt das nicht: Sie führen kein oder nur eingeschränkt JavaScript aus. Eine Seite, deren Text nur im gerenderten Zustand existiert, ist für sie leer.

Da ein wachsender Teil der B2B-Recherche über Assistenten läuft, ist server-gerendertes HTML heute eine Voraussetzung für Auffindbarkeit.

Der teuerste Fehler: fehlende Weiterleitungen

Wenn nach einem Relaunch die Sichtbarkeit einbricht, liegt das fast nie an der Gestaltung. Es liegt an drei Dingen, in dieser Häufigkeit:

  1. Geänderte URLs ohne Weiterleitung. Jede alte Adresse, die auf einen Fehler läuft, verliert ihre Rankings und alle externen Verweise.
  2. Gelöschte Textinhalte. Bei einer gestalterischen Straffung fallen oft genau die Absätze weg, die eine Seite auffindbar gemacht haben.
  3. Zusammengelegte Seiten. Drei Leistungsseiten werden zu einer. Wo vorher drei Seiten rankten, rankt jetzt eine für einen Begriff.

Alle drei sind vermeidbar, wenn vor dem Umzug ein Redirect-Konzept erstellt wird: eine vollständige Liste aller bestehenden URLs mit ihrem jeweiligen Ziel in der neuen Struktur. Der Aufwand liegt bei wenigen Personentagen. Die Kosten eines unterlassenen Konzepts liegen regelmäßig bei Monaten verlorener Sichtbarkeit.

Relaunch-Risiken und Gegenmaßnahmen
RisikoFolgeGegenmaßnahmeAufwand
URLs ändern sich ohne RedirectRankingverlust, tote externe LinksVollständiges Redirect-Konzept vor dem Umzug1 bis 3 Tage
Texte werden gestalterisch gekürztSeiten verlieren AuffindbarkeitInhaltsinventur: was rankt, bleibt1 bis 2 Tage
Inhalte nur per JavaScriptFür einen Teil der Crawler unsichtbarServer-gerendertes HTMLArchitekturentscheidung
Struktur nach OrganigrammSuchende finden ihr Problem nichtSeitenbaum nach Kaufprozess2 bis 4 Tage
Texte erst am SchlussVerzögerung, Layout passt nicht zum ArgumentEntwurf mit echten Textenkeiner, nur eine andere Reihenfolge
Keine NachkontrolleFehler bleiben monatelang unentdecktPrüfung nach 4 Wochen: Indexierung, Ladezeit, Formulare0,5 Tage

Aufwandsangaben für eine Website mittlerer Größe (etwa 30 bis 80 Seiten).

Was auf die Startseite gehört

Die Startseite einer B2B-Website hat genau eine Aufgabe: In den ersten zwei Sekunden erkennbar machen, für wen dieses Unternehmen arbeitet und welches Problem es löst.

Alles andere, also Historie, Zertifikate, Standortkarte oder Newsroom, kann darunter stehen oder auf eigene Seiten. Der häufigste Fehler ist ein Aufmacher, der eine Haltung transportiert („Innovation aus Tradition“), aber keine Information.

Ein praktikabler Test: Zeigen Sie die Startseite drei Personen außerhalb Ihrer Branche für fünf Sekunden und fragen Sie danach, was das Unternehmen macht und für wen. Wenn die Antworten auseinandergehen, ist der Aufmacher zu unbestimmt.

Ein realistischer Zeitplan

  1. Woche 1 bis 2: Architektur. Seitenbaum, URL-Struktur, Zuordnung Seite zu Suchintention, Redirect-Konzept.
  2. Woche 2 bis 5: Gestaltung. Kernseiten in echten Breakpoints, mit echten Texten, plus Komponentenbibliothek.
  3. Woche 2 bis 6: Inhalte. Parallel zur Gestaltung. Interviews mit Fachabteilungen, Texte, Bildkonzept.
  4. Woche 5 bis 10: Entwicklung. Umsetzung, strukturierte Daten, Redaktionssystem, Barrierefreiheit.
  5. Woche 10 bis 12: Launch. Umzug mit Weiterleitungen, Indexierungsprüfung, Messung, Einweisung.
  6. Woche 16: Nachkontrolle. Rankings, Ladezeiten, Formularabschlüsse, Fehlerseiten.

Sechs bis zwölf Wochen sind realistisch. Projekte, die neun Monate dauern, scheitern fast immer an der Inhaltsfrage und selten an der Technik.

Zusammengefasst

  • Die Struktur folgt dem Kaufprozess, nicht dem Organigramm.
  • Je Kernleistung eine eigene, indexierbare Seite.
  • Texte entstehen parallel zur Gestaltung, nicht danach.
  • Server-gerendertes HTML ist Voraussetzung für Auffindbarkeit, auch in KI-Assistenten.
  • Ein Redirect-Konzept vor dem Umzug verhindert den teuersten Relaunch-Fehler.
  • Nach vier Wochen wird nachkontrolliert.

Proxfon Media · Redaktion

Die Fachbeiträge entstehen aus der Mandatsarbeit mit technischen B2B-Unternehmen und dem Mittelstand. Schwerpunkte sind Positionierung, Demand Generation und Revenue Operations in Märkten mit langen Kaufprozessen.

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Häufige Fragen

Häufige Fragen zu diesem Thema.

Verlieren wir bei einem Relaunch unsere Rankings?
Nur bei fehlerhafter Umsetzung. Rankingverluste gehen fast immer auf fehlende Weiterleitungen, geänderte URL-Strukturen ohne Redirect oder gelöschte Textinhalte zurück. Ein vollständiges Redirect-Konzept vor dem Umzug verhindert das zuverlässig.
Wie lange dauert ein B2B-Website-Relaunch?
Sechs bis zwölf Wochen bei einer Website mittlerer Größe. Verzögerungen entstehen fast ausschließlich bei den Inhalten. Deshalb sollten Texte parallel zur Gestaltung entstehen und nicht danach.
Warum braucht jede Leistung eine eigene Seite?
Aus zwei Gründen. Inhaltlich, weil ein Suchender sein konkretes Problem wiederfinden muss. Technisch, weil eine Seite nur dann zuverlässig rankt, wenn sie genau eine Suchintention vollständig bedient. Eine Sammelseite mit sechs Absätzen erfüllt keine davon.
Was ist server-gerendertes HTML und warum ist es wichtig?
Der vollständige Seiteninhalt steht im ausgelieferten Dokument, statt erst im Browser durch JavaScript erzeugt zu werden. Viele Crawler, insbesondere die von KI-Assistenten, führen kein JavaScript aus. Für sie ist eine rein client-gerenderte Seite leer.
Sollten wir alle bestehenden Inhalte übernehmen?
Nein, aber die Entscheidung sollte auf Daten beruhen. Wir machen vor dem Relaunch eine Inhaltsinventur: Was Besucher aus der Suche bringt, bleibt und wird überarbeitet. Was seit zwei Jahren niemand aufgerufen hat, entfällt.
Was kostet ein B2B-Relaunch?
Ein vollständiger Relaunch mit Architektur, Gestaltung, Texten und Entwicklung liegt im mittleren bis oberen Bereich unseres Projektrahmens von 10.000 bis 50.000 €. Reine Entwicklung auf Basis vorhandener Entwürfe liegt deutlich darunter.

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